Praktikumsberichte

Fünf Wochen im Büro Andrej Hunko. Praktikumsbericht von Jasper.

Verfasst am . Veröffentlicht in Praktikum

Vor meinem Praktikum im Bundestagsbüro habe ich Politik und Wirtschaft in Münster studiert. Dabei hatte ich einige Module zur Außen- und Europapolitik belegt und auch ein halbes Jahr Internationale Beziehungen in England studiert. Kombiniere diese inhaltlichen Interessen mit meinen linken Überzeugungen und dem Umstand, dass das Wahlkreisbüro fünfzig Meter von der Wohnung, in der ich aufgewachsen bin, entfernt liegt und eine Bewerbung auf ein Praktikum in Andrejs Büro in Berlin ist die logische Folge. Dementsprechend glücklich war ich, als ich während eines regnerischen Septemberurlaubs im Harz einen Anruf samt Zusage von Anna, der Büroleiterin, bekam. Ich erwartete eine lehrreiche Zeit, aber aus meiner bisherigen Erfahrung mit Praktika nicht unbedingt viel Verantwortung oder allzu anspruchsvolle Aufgaben. Doch meine Zeit in Berlin hat alle Erwartungen, die ich an das Praktikum hatte, übertroffen. Und das trotz Coronapandemie.

Mein Praktikum begann an einem kalt-sonnigen Tag im späten Februar. Die Flut an neuen Eindrücken war an jenem Tag überwältigend; allein das Gefühl, im Bundestag zu sein hatte etwas surreales, kannte man das Innere der Bürogebäude doch aus etlichen Fernsehinterviews. Dazu war diese erste Woche direkt Sitzungswoche und das Büro hatte alle Hände voll zu tun. Trotz des Trubels war das gesamte Team von vornherein nicht nur kollegial, sondern sogar freundschaftlich und selbst am ersten Tag hatte man nicht das Gefühl, wie ein Geringerer behandelt zu werden. Eine Grundstimmung von linkem Antiautoritarismus wurde einem unmittelbar gewahr als direkt beim Kennenlernen das „Du“ angeboten wurde und man bemerkte, dass es keine Kleiderordnung gibt, während man Praktikant*innen anderer Fraktionen auch schonmal im Anzug in der Cafeteria sah.

Auch wenn meine allererste Aufgabe fast schon klischeehaft praktikantisch war, nämlich beim Bäcker zwei Tüten Milch zu kaufen, war schnell klar, dass es nicht dabei bleiben und die üblichen Aufgaben spannender werden würden. Schon im Laufe meines ersten Tags durfte ich Recherchearbeiten zur Beantwortung einer Bürger*innenanfrage übernehmen und eine Antwort formulieren; eine Tätigkeit, der ich im Laufe des Praktikums immer wieder nachgegangen bin.

Während der 5 Wochen kamen viele weitere Aufgaben hinzu, die sich grob in die Gebiete „Inhaltliches“ und „Organisatorisches“ unterteilen lassen.

Die inhaltlichen Arbeiten waren einer der wesentlichen Gründe, weshalb meine Zeit in dem Büro so spannend war. Ob durch eigene Recherche für Websitebeiträge und Antworten auf Bürger*innenfragen oder durch Gespräche mit den Mitarbeiter*innen oder Andrej beim gemeinsamen Mittagessen; ich habe mir in meiner Zeit in Berlin viel Wissen aneignen können. Dabei lag der Fokus natürlich auf den Bereichen der Außen- und Europapolitik, von denen ich dank der Expertise des Teams viele interessante und neue Eindrücke gewinnen konnte. Von der Arktis bis Südamerika waren die einzelnen Themengebiete dabei genauso spannend wie unterschiedlich. Aber auch die Arbeitsweise des Bundestags und der Linksfraktion wurden mir in der Zeit klarer. Durch die Arbeit an Fragen an die Bundesregierung hat man quasi miterlebt, wie die Linksfraktion von ihrem Fragerecht Gebrauch macht, um ihrer Funktion der parlamentarischen Kontrolle der Bundesregierung nachzukommen. In diesem Zusammenhang war der Höhepunkt meiner Zeit im Bundestag die Formulierung einer eigenen schriftlichen Frage an das Bundesfinanzministerium, die auf die Offenlegung einer Mitschuld der Bundesregierung an einem desaströsen Abkommen zwischen dem IWF und Ecuador abzielte.

Doch bei all der inhaltlichen Arbeit muss ein Abgeordnetenbüro auch, so habe ich gelernt, Berge von organisatorischen Aufgaben stemmen. Bei der Bewältigung dieser Berge durfte ich etwa durch die Bearbeitung von Terminen oder die Sichtung der Post helfen. Auch wenn diese Aufgaben manchmal eher repetitiver Natur waren, bin ich dankbar, diese Dimension der Arbeit eines Büros auch mitgekriegt zu haben, stellt sie doch einen großen Teil der Arbeit eines Bundestagsbüros dar. Es gehört eben beides dazu: Organisation und Inhalt.

Neben den Aufgaben, die mir anvertraut worden sind, gehörte ein ausführliches Besichtigungsprogramm zu meinem Praktikum. Ich hatte das Glück, dass drei Sitzungswochen in meine Praktikumszeit fielen, in denen es immer viel zu sehen gab. Die Treffen von der EU-AG und des AKVI waren, wenn auch nur digital, immer interessant, da man den Austausch zwischen den Abgeordneten mitgekriegt hat und ein Gefühl für die Funktionsweise der Fraktion kriegen konnte. Ich habe ebenfalls die Möglichkeit genutzt, einige Plenumsdebatten von der Besuchertribüne aus mitzuverfolgen. Verschiedene Politiker*innen, die man aus dem Fernsehen kennt, mal im echten Leben zu sehen hat dabei nie an Reiz verloren.

Was ich ganz besonders hervorheben möchte, ist wie auf meine eigenen Wünsche und Vorstellungen während des Praktikums eingegangen worden ist. Nachdem ich geäußert hatte, dass ich ein besonderes Interesse an theoretischer Arbeit habe, wurden mir immer wieder Veranstaltungen vorgeschlagen, die zu meinen Interessen passten und an denen ich digital teilnehmen konnte. Dadurch hatte ich die Möglichkeit einem Gesprächskreis der Rosa-Luxemburg-Stiftung beizuwohnen, in dem grundsätzliche politische Positionen zur Friedenspolitik diskutiert werden.

Der Abwechslungsreichtum der Aufgaben und Inhalte, sowie die freundschaftliche Atmosphäre im Team haben dazu geführt, dass ich am letzten Praktikumstag meinen Hausausweis nur sehr schweren Herzens an die Pförtnerin abgeben konnte. Nicht nur hatte ich Einblicke in die Funktionsweise der Linken im Bundestag gewonnen, sondern ich wurde darin bestätigt, dass die Linke leider als einzige Partei eine konsequent humanistische Außenpolitik, eine Friedenspolitik, vertritt. Wenn man sich als Pazifist versteht, kann man sich meiner Meinung nach nur hier vertreten fühlen. Ich habe in meinen fünf Wochen im Büro Hunko also nicht nur Orientierung, sondern zu einem gewissen Grad auch politische Heimat gefunden.

Vielen Dank Andrej, Anna, Jan, Pascal und Sergei dafür, dass Ihr mir diese unvergessliche Zeit ermöglicht habt. Sie hat mich viel gelehrt und nachhaltig beeindruckt.

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